Mexiko bereist man wegen der Tacos, des Mezcals und der Sonne. Wein steht normalerweise gar nicht auf dem Radar. Und doch war es ausgerechnet ein Glas Wein, das während einer Reise durch den Süden Mexikos am meisten im Gedächtnis blieb. Nicht wegen der absoluten Qualität, sondern wegen der Überraschung, die damit verbunden war.
Bacalar: Lagune mit Weinbar
Bacalar ist einer dieser Orte, die einen innehalten lassen. Die Lagune zeigt hier tatsächlich sieben Blau- und Grüntöne, je nach Tiefe und Lichteinfall. Das Städtchen selbst ist klein, stimmungsvoll und spürt zum Glück noch wenig von der Massentouristik, die Tulum weiter nördlich überflutet. Man erwartet Hängematten, Ceviche und Rum. Keinen Sommelier.
Und doch liefen wir eines Nachmittags, nach einer Stunde auf dem Wasser, fast zufällig in die Nine Wine Wine Bacalar hinein. Allein der Name reichte, um kurz innezuhalten. Auf der Karte standen internationale Flaschen, aber auch eine Auswahl aus Mexiko selbst. Letzteres weckte unsere Aufmerksamkeit.
Nebbiolo in Mexiko: Es beginnt wie ein Scherz
Wenn man mit Nebbiolo aus seiner europäischen Heimat vertraut ist, klingt ein mexikanischer Nebbiolo zunächst wie ein Scherz. Diese Rebsorte ist schließlich das Rückgrat von Barolo und Barbaresco aus dem Piemont, zwei der angesehensten Weine Italiens. Nebbiolo ist anspruchsvoll, schwierig im Anbau und stark an sein Terroir in den Langhe-Hügeln gebunden. Die Vorstellung, dass dieselbe Sorte unter der mexikanischen Sonne gedeiht, wirft Fragen auf. Wer mehr über die klassische Heimat von Nebbiolo, das Piemont, lesen möchte, findet dort einen guten Einstieg.
Dennoch hat Baja California in den letzten Jahrzehnten eine ernstzunehmende Weinregion aufgebaut, insbesondere rund um das weniger bekannte, aber zunehmend interessante Valle de Guadalupe. Weingüter experimentieren dort mit Rebsorten, die man dort nie erwarten würde. Nebbiolo ist eine davon. Die Kombination aus warmen Tagen, kühlen Nächten durch den Ozeanwind und gut drainierenden Böden gibt der Traube gerade genug Halt.
Was im Glas steckt
Der erste Eindruck beim Einschenken war bereits überraschend. Während Nebbiolo aus dem Piemont, man denke an einen jungen Barolo von Vietti oder einen energiegeladenen Domenico Clerico, typischerweise zu einer helleren, fast durchscheinenden rubinroten Farbe neigt, war diese mexikanische Version dunkel und dicht. Fast undurchsichtig, mit violetten Reflexen.
Der Duft: reifes dunkles Obst, etwas würzig, ein Hauch Zedernholz. Weniger von den klassischen Rosenblättern und dem Teer, die piemontesischen Nebbiolo so erkennbar machen. Am Gaumen war der Wein voll, kräftig, mit Tanninen, die präsent, aber weniger ausgeprägt waren als erwartet. Das Gewürzprofil dominierte, mit schwarzem Pfeffer im Hintergrund. Ehrlich gesagt erinnerte er mehr an einen kraftvollen Syrah als an einen Barolo.
Keine Kopie, aber eine Interpretation
Hier ist der Moment, ehrlich zu sein: Wer die Eleganz und die komplexe Struktur sucht, die man von den großen piemontesischen Weinen kennt, findet in diesem mexikanischen Nebbiolo keinen Ersatz. Das ist auch nicht die Absicht. Was Klima und Boden in Baja California mit dieser Rebsorte machen, ist schlicht anders. Die Reifung verläuft durch die Wärme schneller, die Säure etwas niedriger, die Fruchtnoten reifer und breiter. Das ergibt einen anderen Wein, nicht unbedingt einen schlechteren.
Die interessanteste Erkenntnis jenes Nachmittags war eigentlich diese: Terroir ist kein abstrakter Begriff. Dieselbe Traube an einem anderen Ort, mit anderem Licht, anderem Boden und anderem Klima, wird zu einer anderen Geschichte. Wie Terroir einen Wein formt, versteht man am besten, wenn man es neben ein ganz anderes Beispiel stellt. Der mexikanische Nebbiolo war dieses andere Beispiel.
Nebbiolo außerhalb Italiens: Was Mexiko anders macht
Piemont und Baja California scheinen auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun zu haben. Im Piemont wächst Nebbiolo auf den kalkhaltigen, mergeligen Langhe-Hügeln, auf Höhen zwischen 150 und 400 Metern. Der Herbst ist dort rau und neblig, die Sommer warm, aber nicht extrem, und die Traube braucht einen langen Wachstumszyklus, um ihre charakteristischen Tannine und Säure zu entwickeln. Genau deshalb kann ein junger Barolo so straff und verschlossen sein und öffnet sich erst nach Jahren in der Flasche.
Das Valle de Guadalupe macht es anders. Das Tal liegt etwa 25 Kilometer vom Pazifik entfernt, auf einer Höhe von rund 350 Metern. Der Temperaturunterschied zwischen Tag und Nacht ist dort groß, manchmal 15 bis 20 Grad Celsius, was die Trauben langsamer reifen lässt, als man bei der durchschnittlichen Tagestemperatur erwarten würde. Der Boden ist granitisch und sandig, nährstoffarm. Das zwingt die Rebe, tief zu wurzeln. Es gibt jedoch wenig Niederschlag, weshalb Bewässerung zwangsläufig notwendig ist. Und das macht einen wesentlichen Unterschied: Im Piemont reift die Traube in einem Zyklus, der von Natur und Jahreszeit gesteuert wird, in Baja California greift der Winzer selbst steuernd ein.
Das Weingut, das den Nebbiolo herstellte, den wir in Bacalar verkosteten, war Adobe Guadalupe, einer der älteren und bekannteren Namen aus dem Valle de Guadalupe. Ihr Nebbiolo, unter dem Namen Serafiel vermarktet, ist einer der wenigen ernsthaften Versuche in Mexiko, diese Rebsorte separat zu vinifizieren. Der Jahrgang 2021 war das, was wir im Glas hatten. Adobe Guadalupe arbeitet mit einer Kombination aus französischem Eichenholz und Betontanks, eine Entscheidung, die dem Wein etwas mehr Textur verleiht, ohne die Fruchtreife zu übertönen.
Was die Aromen betrifft: dunkle rote Früchte, reife Pflaume, ein Hauch getrocknete Feige und ein subtiler Unterton von Lavendel und schwarzem Pfeffer. Kein Teer, keine Rosen, keine Preiselbeeren, wie man sie von klassischem piemontesischem Nebbiolo erwarten würde. Der Säuregehalt ist spürbar niedriger als bei einem Langhe Nebbiolo oder Barolo. Das macht den Wein zugänglicher und weniger anspruchsvoll bei Tisch, aber auch weniger spannungsgeladen. Die Tannine sind vorhanden und leicht körnig, aber nicht die Gerüststruktur, die Barolo so erkennbar macht. Wer den Serafiel 2021 probieren möchte, kann sich an spezialisierte Importeure wenden, die mexikanische Weine führen, wobei die Verfügbarkeit begrenzt ist. Adobe Guadalupe verkauft auch direkt über die eigene Website und bietet Verkostungen auf dem Weingut selbst nach Vereinbarung an.
Was mich am meisten überraschte, war nicht die Ähnlichkeit mit Italien, sondern gerade deren Fehlen. Ich hatte erwartet, eine halbherzige Imitation zu verkosten, einen Wein, der Barolo sein will, aber nicht erreicht. Stattdessen war es ein Wein, der seinen eigenen Weg geht. Der Serafiel 2021 ist weder Barolo noch Langhe Nebbiolo. Er hat die reife Dichte eines warmen Klimas, bewahrt aber etwas Würziges und Pikantes, das die Rebsorte doch noch verrät. Vergleiche das damit, wie sich Nebbiolo aus dem Piemont in jungen Jahren verhält: straff, zurückhaltend, fast unzugänglich. Die mexikanische Version ist das Gegenteil: offen, direkt und ohne das Versprechen künftiger Größe. Das hat seine eigene Ehrlichkeit.
Was das mit dir als europäischem Weinliebhaber macht
Es liegt etwas Beruhigendes in einer solchen Erfahrung. Nicht weil der Wein schlechter war, sondern weil er den Kontext schärfte. In Europa reisen wir ins Piemont, ins Burgund, an den Douro, und nehmen die Qualität und die Tradition, die dort aufgebaut wurde, fast als selbstverständlich hin. Eine zufällige Weinbar an einer mexikanischen Lagune erinnert daran, wie besonders es ist, dass diese Traditionen überhaupt existieren. Generationen, die an einer Traube, einem Tal, einem Stil gearbeitet haben.
Der mexikanische Nebbiolo ist für sich genommen die Entdeckung wert, besonders wenn man ohnehin schon vor Ort ist. Aber er machte auch klar, warum eine Reise zu der Geburtsstätte des Nebbiolo etwas anderes ist, als im Urlaub ein Glas Wein zu trinken. Es bedeutet, einen Ort zu besuchen, der durch Zeit und Hingabe geformt wurde.
Praktisch: Wenn du in Bacalar bist
Nine Wine Wine Bacalar liegt im Zentrum des Städtchens, in Gehweite zur Festung. Die Karte wechselt, daher ist der mexikanische Nebbiolo nicht garantiert verfügbar. Frag gezielt danach. Die Preise für mexikanische Flaschen liegen in der Regel zwischen 300 und 600 mexikanischen Pesos pro Glas, je nach Weingut und Jahrgang. Die Atmosphäre ist entspannt, das Personal kundiger, als man es an diesem Ort erwarten würde.
Eine ehrliche Anmerkung: Dies ist kein Weinreiseziel für sich. Bacalar besucht man wegen der Lagune, der Ruhe und des Essens. Die Weinbar ist ein angenehmer Nebeneffekt. Wer wirklich mehr über mexikanischen Wein erfahren möchte, tut gut daran, die Reise nach Baja California zu verlängern, wo das Valle de Guadalupe in den kommenden Jahren aller Wahrscheinlichkeit nach weiter an Bekanntheit gewinnen wird.
Was kostet ein mexikanischer Nebbiolo?
Die Flasche, die wir in Bacalar verkosteten, stammte aus dem Valle de Guadalupe und kostete in der Weinbar umgerechnet etwa 32 € pro Glas. Das ist nach mexikanischen Maßstäben nicht günstig, aber für einen experimentellen Nebbiolo aus einer aufstrebenden Region durchaus nicht unangemessen. In deutschen Weinhandlungen findet man vergleichbare Flaschen aus Baja California zwischen 25 € und 45 €, je nach Weingut und Importeur.
Zum Vergleich: Ein junger Nebbiolo d'Alba aus dem Piemont beginnt bei etwa 18 bis 25 €, während ein Einstiegs-Barolo schnell 35 bis 50 € kostet. Die mexikanische Variante liegt preislich also zwischen diesen beiden Segmenten, ohne den Namen und die Tradition, die italienische Nebbiolo tragen. Das macht ihn zu einer neugierig machenden Wahl für Experimentierfreudige, aber vielleicht nicht zur naheliegenden Option, wenn man auf Sicherheit setzt.
Für wen ist das etwas?
Diese Erfahrung ist nicht für jeden. Wer nach Mexiko reist mit der Erwartung perfekter Weine, wird enttäuscht werden. Der Weinbau hier ist noch jung und die Konsistenz schwankt. Auch die Verfügbarkeit ist begrenzt. Außerhalb des Valle de Guadalupe und einiger spezialisierter Weinbars wie Nine Wine Wine sind mexikanische Weine schwer zu finden.
Wofür es aber funktioniert: wenn man offen für Überraschungen ist und neugierig darauf, wie sich Rebsorten außerhalb ihres klassischen Kontexts verhalten. Wer ohnehin in der Region ist und die Kombination aus Reisen und Wein schätzt, findet in einem Besuch des Valle de Guadalupe eine sinnvolle Ergänzung zu den naheliegenderen Zielen wie Oaxaca oder der Riviera Maya.
Was sagen die Experten?
Mexikanische Weine erhalten langsam internationale Aufmerksamkeit. Wine Enthusiast vergab kürzlich Bewertungen zwischen 88 und 92 Punkten an verschiedene Flaschen aus dem Valle de Guadalupe, vor allem an rote Cuvées und einige Tempranillos. Spezifische Bewertungen für mexikanischen Nebbiolo sind noch selten, was den experimentellen Status dieser Rebsorte in der Region bestätigt.
James Suckling besuchte das Valle de Guadalupe im Jahr 2019 und sprach von "einer der aufregendsten aufstrebenden Weinregionen der Welt", vor allem wegen der Vielfalt der Rebsorten und der Wildheit, mit der die Winzer experimentieren. Dieses Pioniergefühl schmeckt man im Glas wieder.
Praktische Tipps für alle, die das selbst entdecken möchten
- Nine Wine Wine Bacalar hat kein Reservierungssystem. Geh einfach hinein, am besten am späten Nachmittag, wenn es etwas ruhiger ist.
- Die Weinkarte wechselt regelmäßig. Frag nach mexikanischen Weinen, denn die stehen nicht immer prominent ausgezeichnet.
- Einen Besuch im Valle de Guadalupe selbst verbindet man am besten mit einer Reise durch Baja California. Von San Diego (USA) sind es zwei Stunden Fahrt. Miete einen Wagen oder buche eine Tour, denn öffentliche Verkehrsmittel gibt es dort kaum.
- Die meisten Weingüter im Valle de Guadalupe arbeiten nach Vereinbarung. Plane im Voraus und schreibe ein paar Wochen vorher eine E-Mail.
Quellen: Wine Enthusiast Mexico Coverage 2022-2024, James Suckling Baja California Bericht 2019, eigener Besuch Bacalar Februar 2024.
