Die kurze Antwort: Die nördliche Rhône ist der 70 Kilometer lange Streifen zwischen Vienne und Valence, auf dem Syrah auf steilen Granitterrassen wächst. Die Appellationen sind klein und berühmt: Hermitage (137 Hektar), Côte-Rôtie, Cornas, Saint-Joseph, Crozes-Hermitage und der weiße Condrieu. Tain-l'Hermitage ist der naheliegende Ausgangspunkt, mit den Verkostungsräumen von Chapoutier und Jaboulet, der Schokoladenmanufaktur von Valrhona und dem Hermitage-Hügel in Gehweite. Rechne mit 12 bis 25 Euro für einen Crozes-Hermitage, 35 bis 80 Euro für Cornas und 60 bis 150 Euro für einen Hermitage von einem angesehenen Weingut. Viele Weingüter empfangen nur nach Vereinbarung.
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Wer von Lyon aus die A7 nach Süden nimmt, sieht nach einer halben Stunde rechts der Straße etwas Merkwürdiges: Weinberge, die fast senkrecht emporzusteigen scheinen, von Trockenmauern gehalten, hier und da ein Name in weißen Buchstaben am Hang. Chapoutier. Jaboulet. Guigal. Das ist die nördliche Rhône, die kleinere und angesehenste Hälfte der Weinregion Rhône. Noch nicht einmal fünf Prozent des gesamten Rhône-Weins stammt von hier, doch es sind genau die Weine, die Kritiker und Sammler am meisten beschäftigen.
Dieser Artikel führt dich von Norden nach Süden durch die Appellationen, erklärt, warum Syrah hier so anders schmeckt als im Süden, und liefert praktische Adressen rund um Tain-l'Hermitage. Er gehört zu unserer Serie über die Rhône in Frankreich; die südliche Hälfte mit Châteauneuf-du-Pape und Gigondas behandeln wir gesondert.
Granit, Steilheit und eine einzige Rebsorte
Die nördliche Rhône ist in allem das Gegenteil des Südens. Das Klima ist kontinental statt mediterran, mit kälteren Wintern, mehr Regen und einem kürzeren Sommer. Der Boden ist keine Geröllebene, sondern Granit, ein Ausläufer des Zentralmassivs, stellenweise mit Löss, Kalk und Flusssand. Und es gibt nur eine rote Rebsorte: Syrah. Keine Verschnitte mit Grenache und Mourvèdre, sondern eine Traube, die aus eigener Kraft bestehen muss, höchstens ergänzt durch einen Schuss weißen Viognier, Marsanne oder Roussanne, wo die Appellation das erlaubt.
Die Hänge sind der Schlüssel. Auf den steilsten Parzellen von Côte-Rôtie und Hermitage erreicht die Neigung bis zu 60 Prozent, und die Weinberge sind mit Trockenmauern, chalets genannt, in Terrassen angelegt. Alles geschieht von Hand, die Stöcke stehen an Holzpfählen statt an Draht, und der Ertrag ist niedrig. Das erklärt den Preis, und es erklärt auch den Charakter: Syrah von Granit ist dunkel, straff, pfeffrig und hat eine rauchige, manchmal blutige oder olivenartige Seite, die man im Süden nicht findet. Jancis Robinson nennt die nördliche Rhône seit Jahrzehnten den Maßstab für Syrah weltweit, laut JancisRobinson.com der Ort, an dem die Traube ihre ausdrucksstärkste und langlebigste Form erreicht.
Von Norden nach Süden: die Appellationen
Côte-Rôtie: der geröstete Hang
Gleich unterhalb von Vienne, rund um das Dorf Ampuis, liegt Côte-Rôtie: rund 300 Hektar auf südöstlich ausgerichteten Terrassen oberhalb des Flusses. Der Name verweist auf die Sonne, die hier den ganzen Tag auf dem Hang steht. Traditionell unterscheidet man die Côte Brune mit eisenhaltigem Lehm, die kraftvolle, tanninreiche Weine ergibt, und die Côte Blonde mit leichterem, kalkreichem Boden, der elegantere Weine hervorbringt. Syrah darf mit maximal 20 Prozent Viognier ergänzt werden, der mitvergoren wird und dem Wein seine charakteristische blumige Nase von Veilchen und Aprikose verleiht.
E. Guigal dominiert die Appellation. Das Haus besitzt die drei berühmtesten Parzellen, La Mouline, La Landonne und La Turque, bekannt als die La La's, die von Robert Parker wiederholt mit 100 Punkten bewertet wurden. Sie kosten 300 Euro oder mehr pro Flasche und reifen dreieinhalb Jahre in neuem Eichenholz. Zugänglicher sind die Côte-Rôtie von Guigal selbst (die Brune et Blonde, rund 60 Euro) sowie die Weine kleinerer Weingüter wie Jamet, Rostaing, Jean-Michel Gerin und Stéphane Ogier, die 45 bis 100 Euro kosten und oft weniger Holz und mehr Terroir zeigen.
Condrieu und Château-Grillet: Weiß aus Viognier
Direkt südlich von Côte-Rôtie liegt Condrieu, die Heimat des Viognier und die einzige Appellation Frankreichs, die ausschließlich diese Rebsorte zulässt. Auf etwa 200 Hektar Granitterrassen wächst ein Weißwein mit Pfirsich, Aprikose, Jasmin und einer vollen, fast öligen Textur bei geringer Säure. Ein guter Condrieu kostet 30 bis 60 Euro und wird jung getrunken, innerhalb von drei bis fünf Jahren. Innerhalb von Condrieu liegt Château-Grillet, eine Monopollage von 3,5 Hektar, eine der kleinsten Appellationen Frankreichs, heute im Besitz der Familie Pinault von Château Latour. Alles über die Rebsorte und den Wein liest du in unserem Artikel über Viognier und Condrieu.
Saint-Joseph: sechzig Kilometer Westufer
Saint-Joseph ist die längste Appellation des Nordens und erstreckt sich über rund 60 Kilometer entlang des Westufers der Rhône, von Chavanay bis unterhalb von Tournon. Die Ausweitung der Appellation in den 1970er-Jahren auf flacheres, weniger geeignetes Land hat dem Ruf nicht gutgetan, und Saint-Joseph ist entsprechend wechselhaft: von geschmeidig und fruchtig bis ernsthaft und vielschichtig. Der historische Kern rund um Tournon und Mauves, gegenüber dem Hermitage-Hügel, liefert die besten Weine. Namen, nach denen man Ausschau halten sollte: Domaine Gonon, Chave (der hier ebenfalls einen Saint-Joseph macht), Coursodon, Gripa und Faury. Preis 18 bis 40 Euro, und der weiße Saint-Joseph aus Marsanne und Roussanne ist eine unterschätzte Perle zum Picodon, dem Ziegenkäse der Region.
Hermitage: der Hügel
Oberhalb von Tain-l'Hermitage erhebt sich ein Granithügel von 137 Hektar, auf dessen Gipfel eine kleine Kapelle steht, Saint-Christophe, die seit dem 19. Jahrhundert im Besitz von Paul Jaboulet Aîné ist und La Chapelle, einem der berühmtesten Weine Frankreichs, ihren Namen gab. Der Jahrgang 1961 gilt als einer der größten Weine des 20. Jahrhunderts und erzielt bei Auktionen viele Tausend Euro pro Flasche. Hermitage ist Syrah in seiner monumentalsten Form: dicht, dunkel, mit Rauch, Leder, schwarzer Olive und einem Reifepotenzial von dreißig Jahren oder mehr. Bis zu 15 Prozent Marsanne und Roussanne dürfen zugesetzt werden, und der weiße Hermitage aus diesen beiden Rebsorten ist selbst eine Rarität, die Jahrzehnte überdauern kann.
Der Hügel ist in lieux-dits mit eigenem Charakter unterteilt: Les Bessards auf reinem Granit gibt Struktur, Le Méal mit seinen Kieseln Kraft, L'Hermite auf dem Gipfel Finesse. Die großen Erzeuger, Chave, Chapoutier und Jaboulet, verschneiden meist über die Parzellen hinweg, wobei Chapoutier auch Parzellenweine wie L'Ermite und Le Pavillon macht, die Hunderte von Euro kosten. Regulärer Hermitage von Chapoutier, Jaboulet, Delas oder Ferraton kostet 60 bis 150 Euro; Chave beginnt bei 200 Euro und ist selten im Handel zu finden.
Crozes-Hermitage: der erschwingliche Nachbar
Rund um den Hügel, vor allem auf den flacheren Terrassen südlich und östlich von Tain, liegt Crozes-Hermitage, mit gut 1.700 Hektar die größte Appellation des Nordens. Der Boden besteht hier aus Kies und Löss statt aus Granit, die Weine sind leichter und früher trinkbar, und der Preis liegt bei 12 bis 25 Euro. Das macht Crozes zum idealen Einstieg in die nördliche Rhône. Die Genossenschaft Cave de Tain ist verlässlich; Weingüter wie Alain Graillot, Yann Chave, Domaine Combier und Domaine des Lises machen Crozes, die den Ruf der Appellation bei weitem übertreffen.
Cornas: hundert Prozent Syrah
Zehn Kilometer südlich von Tournon, in einem südausgerichteten Amphitheater aus Granit, liegt Cornas: 145 Hektar, ausschließlich Syrah, keine weiße Rebsorte zugelassen. Die Weine galten früher als berüchtigt rau und tanninreich, doch eine neue Generation macht sie zugänglicher, ohne die dunkle Kraft zu verlieren. Auguste Clape ist die Referenz, Thierry Allemand der unter Liebhabern am meisten gesuchte Name; Vincent Paris, Alain Voge und Domaine du Tunnel sind hervorragend und etwas erschwinglicher. Preis 35 bis 80 Euro, Allemand und Clape mehr. Cornas braucht fünf bis zehn Jahre.
Saint-Péray: Weiß und Schaumwein
Die südlichste Appellation des Nordens, gegenüber von Valence, macht ausschließlich Weißwein aus Marsanne und Roussanne, still und schäumend. Der Schaumwein von Saint-Péray war im 19. Jahrhundert berühmt (Wagner ließ ihn nach Bayreuth kommen), geriet in Vergessenheit und wird heute von Chapoutier, Alain Voge und Domaine du Tunnel neu belebt. Ein schöner Abschluss für 15 bis 25 Euro.
Tain-l'Hermitage als Ausgangspunkt
Tain-l'Hermitage ist eine Kleinstadt mit 6.000 Einwohnern am Ostufer der Rhône, gegenüber Tournon-sur-Rhône, verbunden durch die Passerelle Marc Seguin, eine Fußgängerbrücke aus dem Jahr 1849. Von Lyon aus sind es eine Stunde, von Paris aus zwei Stunden zehn mit dem TGV nach Valence TGV, von wo aus es noch eine Viertelstunde Fahrt sind. Von Deutschland aus ist es eine weite Strecke, am besten planst du einen langen Fahrtag ein oder nimmst den Zug mit Umstieg in Paris oder Lyon.
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Das Städtchen ist vollständig auf Wein ausgerichtet, und das macht es, anders als den Rest des Nordens, geeignet für alle, die ohne Termin verkosten möchten:
- M. Chapoutier hat an der Hauptstraße eine Weinbar und einen Verkostungsraum, in dem du für 15 bis 25 Euro eine Reihe von Crozes, Saint-Joseph und Hermitage probierst, und organisiert Wander- und Radtouren durch die Weinberge. Das Haus arbeitet biodynamisch und setzt Brailleschrift auf seine Etiketten.
- Cave de Tain, die Genossenschaft, hat einen modernen Verkostungsraum mit allen Appellationen des Nordens unter einem Dach und ist die günstigste Möglichkeit zum Vergleichen.
- Paul Jaboulet Aîné hat an der Place du Taurobole das Vineum, eine Weinbar mit Restaurant, in der La Chapelle in manchen Jahrgängen glasweise zu verkosten ist.
- Cité du Chocolat Valrhona: Der Schokoladenhersteller für die französische Patisserie hat hier seinen Hauptsitz und ein interaktives Museum mit Verkostungsstationen. Eintritt etwa 12 Euro; die Kombination aus dunkler Schokolade und einem reifen Hermitage ist ein lokaler Klassiker.
Die Wanderung zur Kapelle auf dem Hermitage-Hügel beginnt bei der Kirche und dauert dreiviertel Stunden bergauf. Du läufst quer durch die Parzellen von Chave und Chapoutier, siehst die Trockenmauern und Bodenunterschiede aus der Nähe und hast oben Ausblick über den Fluss, Tournon und die Weinberge von Crozes. Kostenlos, und am Morgen am schönsten.
Übernachten und essen
Tain hat eine Handvoll Hotels; Tournon auf der anderen Seite ist ruhiger und günstiger, mit einem Schloss und einer alten Altstadt. Rechne mit 90 bis 150 Euro pro Nacht. Essen gehst du bei Le Mangevins in Tain (Naturweine, Bistroküche, Reservierung empfohlen) oder in einem der Restaurants am Kai von Tournon. Die Spezialitäten sind lyonnais geprägt: Quenelles vom Hecht, Saucisson, und der Picodon aus der Ardèche zu einem weißen Saint-Joseph. Wer einen halben Tag übrig hat, fährt in die Ardèche zu den Gorges du Doux oder nimmt den Dampfzug Train de l'Ardèche ab Tournon.
Weingüter besuchen: die Regeln des Nordens
Außerhalb von Tain gilt ein anderes Gesetz als im Süden: Fast alle Weingüter empfangen nur nach Vereinbarung, und die berühmtesten überhaupt nicht. Chave empfängt keine Besucher. Guigal hat in Ampuis ein Besucherzentrum mit Verkostung, Termin über die Website. Clape in Cornas empfängt nach Vereinbarung für Liebhaber, die vorab eine E-Mail schreiben. Kleinere Weingüter in Saint-Joseph und Crozes sind gastfreundlich, arbeiten aber mit zwei oder drei Personen; schreib eine Woche vorher eine E-Mail, komm pünktlich und kauf etwas. Sonntags und montags ist fast alles geschlossen.
Die Preise direkt beim Erzeuger liegen 20 bis 30 Prozent unter dem deutschen Ladenpreis, doch die Spitzenweine sind auch dort kontingentiert und oft ausverkauft. Wer La Chapelle oder Chave sucht, kauft am besten über einen guten Weinhändler; vergleiche Preise über Wine-Searcher, bevor du vor Ort enttäuscht wirst.
Jahrgänge
Die nördliche Rhône reagiert empfindlicher auf das Wetter als der Süden. 2010 und 2015 sind klassisch große Jahrgänge. 2016 ist elegant, 2017 reif und kraftvoll, 2018 warm und füllig, 2019 hervorragend mit Kraft und Frische. 2020 ist weich und früh trinkbar, 2021 kühl und klein durch Frost, mit straffen Weinen, die Puristen schätzen. 2022 und 2023 waren heiß und trocken; die Weine sind reif und zugänglich. Ein Hermitage oder Cornas aus einem großen Jahrgang braucht zehn Jahre; Crozes und Saint-Joseph trinkst du ab drei Jahren.
Für wen eignet sich die nördliche Rhône?
Für alle, die Syrah verstehen wollen und bereit sind, im Voraus zu planen. Die Weine sind ernsthaft, die Landschaften beeindruckend, und Tain-l'Hermitage ist eines der angenehmsten Weinstädtchen Frankreichs. Weniger geeignet für alle, die spontan von Kellerei zu Kellerei hüpfen möchten; dafür ist der Süden mit Châteauneuf-du-Pape deutlich besser aufgestellt. Auch das Budget zählt: Außerhalb von Crozes und Saint-Joseph beginnt die ernsthafte Preisklasse bei 40 Euro pro Flasche.
Eine gute Kombination sind zwei Nächte in Tain und anschließend eine Weiterfahrt nach Orange oder Avignon, eine Stunde südlicher, für die Grenache-Welt von Gigondas und den Dentelles. So probierst du in einer Woche beide Gesichter der Rhône. Wer zu Hause beginnen möchte, findet in unserer Auswahl an Syrah-Weinen regelmäßig einen Crozes-Hermitage oder Saint-Joseph, um das nördliche Profil kennenzulernen.